Orthopädie- oder Unfallchirurgie-Praxis überlastet? Das hilft wirklich

Kaum eine Fachrichtung hat einen so hohen Anteil an Wiederholungspatient:innen, Nachsorgeterminen und Verlaufskontrollen wie die Orthopädie und Unfallchirurgie. Das macht den Praxisalltag besonders anfällig für genau die Engpässe, die viele Kolleg:innen frustrieren: volle Telefonleitungen, Anamnesebögen, die bei jedem Besuch neu ausgefüllt werden, und Dokumentation, die sich abends stapelt. Jörg Ansorg, Geschäftsführer des Berufsverbands für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU), hat im MediMeets-Webinar mit Host Sebastian Alsleben erklärt, woran das liegt und was sich davon mit überschaubarem Aufwand ändern lässt.
Warum ist meine Orthopädie- oder Unfallchirurgie-Praxis ständig überlastet?
Ein Teil der Antwort liegt im Fach selbst: Viele Patient:innen kommen nicht nur einmal, sondern über Wochen oder Monate zur Verlaufskontrolle: nach einer Operation, bei chronischen Schmerzen oder im Rahmen einer Reha-Begleitung. Das bedeutet mehr Telefonate, mehr Terminkoordination und mehr wiederkehrende Dokumentation als in vielen anderen Fachrichtungen. Wenn diese Abläufe noch komplett manuell laufen, summiert sich das schnell zu echter Überlastung, unabhängig davon, wie gut Ihr Team eigentlich arbeitet.
Liegt es an zu wenig Personal oder an den Abläufen?
Beides spielt eine Rolle, aber der Hebel, an dem sich am schnellsten etwas verändern lässt, sind die Abläufe. Jörg Ansorg macht dazu im Webinar Mut: Praxen, die anfangen, ihre Prozesse gezielt zu vereinfachen, "sind letzten Endes auf dem richtigen Weg." Der Punkt ist nicht, mehr Personal zu finden, das ist ohnehin schwer genug, sondern die vorhandene Zeit des Teams von unnötigem Verwaltungsaufwand zu befreien.
Wie kann ich das Telefon in meiner Praxis entlasten?
Ein naheliegender erster Schritt ist die Terminvergabe. Viele Kolleg:innen zögern hier aus Sorge, dass Patient:innen dann öfter einfach nicht erscheinen. Die Zahlen sprechen dagegen. Jörg Ansorg nennt im Webinar einen Wert, der selbst erfahrene Kolleg:innen überrascht:
"Die sogenannte No-Show-Rate, also jemand bucht einen Termin und löst dann nicht ein, liegt bei Orthopäden und Unfallchirurgen unter 3 Prozent."
Für die Anrufe selbst gibt es Lösungen, die einfache Anliegen, etwa Terminwünsche oder -verschiebungen, automatisiert entgegennehmen, sodass Ihr Team sich auf die Anrufe konzentrieren kann, die wirklich ein persönliches Gespräch brauchen. Für Patient:innen bedeutet das eine Umstellung, die auch Jörg Ansorg offen anspricht:
"Es ist nicht der Herr Doktor und auch nicht die Frau, die MFA, die Sie schon seit Jahrzehnten kennen, sondern es ist ein Chatbot dran, der aber vieles auch abbilden kann."
Wie sieht digitale Anamnese bei orthopädischen Patient:innen aus?
Gerade bei Patient:innen mit länger andauernden Schmerzsymptomen oder wiederkehrenden Beschwerden ist es im Webinar als besonders relevant angesprochen worden, sie gut durch einen Anamnesebogen zu führen, nicht nur einmalig, sondern auch bei Verlaufskontrollen. In der Orthopädie werden dafür häufig standardisierte Fragebögen zur Verlaufsbeurteilung eingesetzt, mit denen sich etwa Beweglichkeit, Schmerzintensität oder Behandlungserfolg über die Zeit dokumentieren lassen. Wenn Patient:innen solche Angaben vorab digital erfassen, statt bei jedem Termin erneut denselben Zettel auszufüllen, spart das sowohl den Patient:innen als auch dem Praxisteam spürbar Zeit.
Auch das Aufklärungsgespräch vor einem Eingriff, ein in der Orthopädie und Unfallchirurgie besonders häufiger Vorgang, lässt sich teilweise digital vorbereiten, etwa indem Patient:innen die Aufklärungsunterlagen vorab in Ruhe lesen können. Das eigentliche Gespräch mit Ihnen bleibt dabei bestehen, wie es rechtlich auch erforderlich ist.
Erzählen Patient:innen bei einer digitalen Anamnese wirklich alles?
Ein Einwand, den ältere Kolleg:innen häufig äußern: Bei einem digitalen Fragebogen würden Patient:innen weniger ehrlich antworten als im persönlichen Gespräch. Die im Webinar zitierte Studienlage zeigt tatsächlich das Gegenteil: Im direkten Gespräch fällt es vielen Menschen schwerer, bei heiklen Themen ehrlich zu sein, weil sie vor dem Arzt oder der Ärztin gut dastehen möchten. Im digitalen, anonymeren Rahmen fällt dieser Druck weg. Sebastian Alsleben bringt es im Webinar auf den Punkt: "Genau umgekehrt, wie die älteren Kolleginnen und Kollegen denken."
Was ist mit der Dokumentation nach OPs und bei Verlaufskontrollen?
Auch die Dokumentation während der Sprechstunde lässt sich vereinfachen, etwa indem das Gespräch strukturiert mitgeschrieben wird, statt es im Anschluss von Hand nachzutragen. Eine im Webinar zitierte Studie aus dem Fachjournal JAMA nennt dafür einen Zeitgewinn von rund 30 Prozent sowie eine geringere Burnout-Wahrscheinlichkeit bei den Ärzt:innen, die damit arbeiten, gerade bei einer hohen Taktung wiederkehrender Verlaufstermine, wie sie in der Orthopädie und Unfallchirurgie üblich ist, kann sich das spürbar summieren.
Muss ich das alles auf einmal umsetzen?
Nein. Niemand erwartet, dass eine Praxis von einem Tag auf den anderen komplett umgestellt wird. Sinnvoller ist es, bei dem Punkt anzufangen, der im Alltag am meisten Zeit kostet, ob das nun das Telefon, die Anamnese bei Verlaufskontrollen oder die Dokumentation nach der Sprechstunde ist, und von dort aus weiterzugehen.
Fazit
Die hohe Zahl an Wiederholungsterminen und Verlaufskontrollen macht Orthopädie- und Unfallchirurgie-Praxen besonders anfällig für Überlastung durch manuelle Abläufe. Gleichzeitig bedeutet das: Genau hier lässt sich mit vergleichsweise einfachen Mitteln viel erreichen, ohne komplizierte Umstellung und ohne dass Sie sich durch einen Berg an Fachbegriffen kämpfen müssen. Wie Jörg Ansorg es zusammenfasst: Wer anfängt, die eigenen Abläufe zu hinterfragen und zu vereinfachen, "ist letzten Endes auf dem richtigen Weg."
*Dieser Beitrag basiert auf dem MediMeets-Webinar "Digitale Tools in der Orthopädie und Unfallchirurgie" mit Host Sebastian Alsleben (Hausarzt, MediMeets) und Special Guest Jörg Ansorg (Geschäftsführer BVOU). Die vollständige Aufzeichnung sowie Informationen zu kommenden Webinaren finden Sie auf unserer Website.
Hinweis zur Datenlage: Die No-Show-Rate und die direkten Zitate stammen aus dem Webinar. Die Zeitersparnis-Zahl (30 Prozent) stammt aus einer im Webinar zitierten JAMA-Studie, einer unabhängigen wissenschaftlichen Quelle.*
FAQ
Warum sind Orthopädie- und Unfallchirurgie-Praxen besonders häufig überlastet? Weil ein hoher Anteil der Patient:innen zu Verlaufskontrollen und Nachsorgeterminen wiederkommt, was Telefon, Terminkoordination und Dokumentation stärker belastet als in Fachrichtungen mit weniger Wiederholungsbesuchen.
Wie kann ich als Orthopäde oder Unfallchirurgin mein Praxistelefon entlasten? Durch Online-Terminvergabe und eine automatisierte Annahme einfacher Anliegen wie Terminwünsche, sodass Ihr Team sich auf komplexere Anfragen konzentrieren kann.
Wie funktioniert digitale Anamnese bei orthopädischen Verlaufskontrollen? Patient:innen füllen standardisierte Fragebögen zur Verlaufsbeurteilung (z. B. zu Schmerz oder Beweglichkeit) vorab digital aus, statt bei jedem Termin erneut denselben Zettel auszufüllen.
Werden Patient:innen bei Online-Terminbuchung öfter nicht erscheinen? Nein. Bei Orthopäd:innen und Unfallchirurg:innen liegt die No-Show-Rate bei unter 3 Prozent.
Muss ich meine ganze Orthopädie-Praxis auf einmal digitalisieren? Nein. Es reicht, mit dem größten Frustpunkt im Alltag anzufangen, häufig Telefon, Anamnese bei Verlaufskontrollen oder Dokumentation – und von dort aus schrittweise weiterzugehen.
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