Praxis gründen 2026: Ablauf, Kosten und Zeitplan in 5 Schritten

Zusammenfassung: Eine Praxisgründung scheitert selten an fachlicher Kompetenz, häufig an fehlender Struktur. Dieser Leitfaden gliedert den Weg in fünf klare Phasen, von der Standortwahl bis zur Eröffnung, und zeigt, welche Entscheidungen wann anstehen, welche Kosten realistisch sind und wo die größten Stolpersteine auf dem Weg zur Zulassung liegen.
Wie viele Ärzte gründen in Deutschland jährlich?
Die Zahl der Niederlassungen in Deutschland schwankt, ist aber seit mehreren Jahren rückläufig im Verhältnis zur Zahl der in den Ruhestand gehenden Ärzt:innen. Die Arztzahlen-Statistik der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) dokumentiert jährlich, in welchen Fachgruppen und Regionen Versorgungslücken entstehen. Die Bundesärztekammer veröffentlicht ergänzende Statistiken zu Altersstruktur und Tätigkeitsformen.
Zwei Entwicklungen prägen die Lage im Jahr 2026:
Die klassische Einzelpraxis verliert an Bedeutung: immer mehr Ärztinnen und Ärzte starten gemeinsam mit Kolleg:innen, etwa in einer Berufsausübungsgemeinschaft (mehrere Praxisinhaber:innen unter einem Dach) oder einem MVZ (einer größeren, angestellt geführten Einrichtung).
Gleichzeitig wird es in vielen Fachrichtungen schwerer, eine Nachfolge für eine bestehende Praxis zu finden. Für Sie als Gründer:in oder Übernehmer:in bedeutet das: Sie haben oft bessere Verhandlungsmöglichkeiten als noch vor einigen Jahren, aber auch eine größere Verantwortung für die Versorgung vor Ort.
Die 5 Phasen einer Praxisgründung
Rechnen Sie realistisch mit 9 bis 12 Monaten von der Entscheidung bis zur Eröffnung. Es geht auch schneller, in sechs Monaten, aber je enger der Zeitrahmen, desto größer das Risiko für Fehler.
Phase 1 — Grundlagen klären (Monat 1–2)
Hier fallen die wichtigsten Entscheidungen: Welche Fachrichtung, welche Praxisform (allein, gemeinsam mit Kolleg:innen, oder als Teil eines MVZ), welche Patient:innen wollen Sie vor allem versorgen, und wie viel Geld steht grob zur Verfügung? Klären Sie parallel bei Ihrer Kassenärztlichen Vereinigung (KV), ob in Ihrer Wunschregion überhaupt eine Zulassung möglich ist.
Phase 2 — Räume finden (Monat 3–4)
Standortsuche, Besichtigungen, Mietvertrag prüfen. Falls nötig, parallel die Umbauplanung angehen. Achten Sie auf Barrierefreiheit, Brandschutz, die Hygieneanforderungen der zuständigen Behörde und genug Parkplätze für Ihre Patient:innen.
Phase 3 — Geräte und Einrichtung (Monat 5–7)
Hier entscheidet sich ein großer Teil Ihrer Ausgaben: Welche Geräte kaufen oder leasen Sie, wie richten Sie die Praxis ein, welche Laboranbindung brauchen Sie? Holen Sie sich mindestens drei Angebote ein und verhandeln Sie – die ursprünglich genannten Preise sind bei Medizingeräten selten die, die Sie am Ende zahlen.
Phase 4 — Personal suchen (Monat 5–8, parallel)
Stellen für MFA und gegebenenfalls weitere Ärzt:innen ausschreiben. In vielen Regionen ist es schwer, MFA zu finden – planen Sie mindestens drei bis vier Monate Vorlauf ein, besonders wenn Sie erfahrenes Personal suchen.
Phase 5 — Formalitäten, IT und Eröffnung (Monat 8–10)
Zulassung bei der KV abschließen, eine Betriebsstättennummer beantragen (eine Art Kennnummer für Ihre Praxis), das Praxisverwaltungssystem (PVS) auswählen und einrichten, die Telematikinfrastruktur (das bundesweite Datennetz für E-Rezept, elektronische Patientenakte und Co.) bestellen und anschließen, ein Qualitätsmanagement-Handbuch erstellen, den Hygieneplan fertigstellen und den Arbeitsschutz dokumentieren. Diese Phase steckt voller Pflichtaufgaben – lässt sich aber am meisten durch gute Vorbereitung abkürzen.
Unser Gründer-Cockpit bündelt diese fünf Phasen mit Modulen, Checklisten und Zeitleisten — so verlieren Sie parallele Arbeitsstränge nicht aus den Augen.
Was kostet eine Praxisgründung realistisch?
Die Existenzgründungsanalyse der apoBank, die jährlich aktualisiert wird, ist die belastbarste öffentliche Datenquelle. Die Gesamtinvestition variiert erheblich nach Fachrichtung:
Hausarztpraxen liegen typischerweise im niedrigen sechsstelligen Bereich bei Neugründung, bei Übernahme oft deutlich darunter (je nach Patientenstamm und Ausstattung).
Facharztpraxen mit apparativer Medizin (z.B. Kardiologie, Radiologie, Gastroenterologie) bewegen sich im mittleren bis oberen sechsstelligen Bereich, getrieben durch Geräteinvestitionen.
Zahnarztpraxen haben eine eigene Investitionsdynamik mit starker Fokussierung auf Behandlungseinheiten und Labortechnik.
Die genauen Zahlen ändern sich jedes Jahr – schauen Sie deshalb in die aktuelle apoBank-Studie oder fragen Sie Ihre KV nach Zahlen für Ihre Fachrichtung. Als grobe Richtschnur gilt: Sie sollten etwa 15 bis 30 Prozent der Gesamtkosten aus eigenen Ersparnissen decken können. Den Rest bekommen Sie üblicherweise als Kredit von einer Bank, die sich auf Ärzt:innen spezialisiert hat.
Ein Posten, der häufig unterschätzt wird: die ersten sechs Monate, in denen die Praxis noch nicht voll ausgelastet ist. Planen Sie hier zusätzlich einen Puffer von drei bis sechs Monaten laufender Kosten ein.
Neugründung oder Übernahme — was passt zu wem?
Kosten
Neugründung: Höher, dafür freie Wahl bei allen Ausgaben
Übernahme: Kaufpreis plus Modernisierung, insgesamt oft günstiger
Patient:innen
Neugründung: Müssen erst gewonnen werden (6–24 Monate)
Übernahme: Sind ab dem ersten Tag da
Gestaltungsfreiheit
Neugründung: Maximal – Standort, Räume und Ausstattung frei wählbar
Übernahme: Eingeschränkt durch das, was schon besteht
Risiko
Neugründung: Höher, da unsicher ist, wie viele Patient:innen wirklich kommen
Übernahme: Niedriger, hängt aber stark von einer guten Übergabe ab
Zulassung
Neugründung: Hängt davon ab, ob in der Region überhaupt eine frei ist
Übernahme: Kommt meist automatisch mit der übernommenen Praxis
Passt zu
Neugründung: Wer einen langen Atem und eine klare eigene Vorstellung hat
Übernahme: Wer lieber auf Bestehendem aufbaut und Sicherheit schätzt
Eine dritte Variante ist die Einstiegsbeteiligung in einer bestehenden BAG mit schrittweiser Übernahme — sie verbindet Elemente beider Wege und ist in vielen Regionen der am schnellsten wachsende Niederlassungspfad.
KV-Zulassung & Bedarfsplanung: die größten Hürden
Ob und wo Sie sich niederlassen dürfen, regelt die sogenannte Bedarfsplanungs-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) – festgelegt vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA). Dabei gibt es drei mögliche Situationen:
Die Region ist offen. Sie können sich direkt niederlassen, die Zulassung ist dann im Wesentlichen eine Formsache.
Die Region ist gesperrt. Ein freier Praxissitz wird neu vergeben, meist weil eine bestehende Praxis einen Nachfolger sucht. Hier bewerben Sie sich zusammen mit anderen Interessent:innen; entscheidend sind unter anderem Berufserfahrung, Eignung und bestehende Verbindungen vor Ort.
Sonderbedarf. In Regionen, die trotz formal ausreichender Versorgung tatsächlich unterversorgt sind, kann zusätzlich eine Zulassung erteilt werden.
Die Zulassung ist der entscheidende Schritt – ohne sie dürfen Sie nicht als Vertragsärztin oder Vertragsarzt arbeiten. Sprechen Sie deshalb so früh wie möglich mit Ihrer KV, nicht erst, wenn Räume und Geräte schon feststehen.
Standortwahl: Worauf kommt es wirklich an?
Der Standort lässt sich später kaum noch ändern – deshalb lohnt sich hier besonders viel Sorgfalt. Vier Punkte sind dabei meist am wichtigsten:
Wer wohnt in der Umgebung? Alter, Haushaltsgröße, Einkommen – solche Daten bekommen Sie bei den statistischen Landesämtern oder spezialisierten Anbietern für Standortanalysen. Für eine Fachrichtung mit überwiegend älteren Patient:innen ist ein neues Wohngebiet mit vielen jungen Familien zum Beispiel meist kein guter Standort, so attraktiv die Gegend sonst auch sein mag.
Wie viel Konkurrenz gibt es bereits? Wie viele Praxen Ihrer Fachrichtung gibt es schon im Umkreis? Die Bedarfsplanung Ihrer KV zeigt den offiziellen Versorgungsgrad. Aber Achtung: Was auf dem Papier gut versorgt aussieht, kann vor Ort ganz anders wirken – eine Recherche vor Ort ergänzt die reinen Zahlen sinnvoll.
Wie gut ist die Praxis erreichbar? Busse und Bahnen in der Nähe, Parkplätze, Barrierefreiheit. Gerade wenn viele Ihrer Patient:innen in der Mobilität eingeschränkt sind, macht sich eine schlechte Erreichbarkeit schnell in weniger Terminen bemerkbar.
Was gibt es sonst noch in der Nähe? Apotheken, andere Facharztpraxen, Pflegeeinrichtungen, Krankenhäuser. Ein gut vernetztes Umfeld führt häufig dazu, dass sich Praxen gegenseitig Patient:innen empfehlen.
Das Standort-Modul im Gründer-Cockpit kombiniert diese Dimensionen und bewertet konkrete Adressen im direkten Vergleich.
Die häufigsten Fehler bei der ersten Gründung
Aus vielen begleiteten Gründungen lassen sich fünf wiederkehrende Muster erkennen:
Der Zeitplan ist zu knapp. Wer in sechs Monaten gründen will, zahlt dafür meist mit Stress und Kompromissen bei der Qualität. Realistischer sind 9 bis 12 Monate.
Die Personalkosten werden unterschätzt. Die Gehälter für MFA sind in den letzten Jahren spürbar gestiegen, und gutes Personal zu finden, ist in vielen Regionen schwierig. Wer noch mit Zahlen von vor drei Jahren plant, plant zu knapp.
Die Entscheidung für das Praxisverwaltungssystem kommt zu spät. Das PVS ist nicht "nur Software" – es bestimmt Ihre Arbeitsabläufe für die nächsten 10 bis 15 Jahre. Diese Entscheidung gehört bereits in Phase 3, zusammen mit der Geräteplanung, nicht erst ganz am Ende. Unser PVS-Wechsel-Leitfaden hilft auch bei der Erstauswahl.
Es fehlt ein finanzieller Puffer für die Anlaufzeit. Eine neu gegründete Praxis ist selten in weniger als sechs Monaten voll ausgelastet. Wer ohne finanzielle Reserve startet, gerät schnell unter Druck.
Pflichtthemen werden im Alleingang erledigt. Hygiene, Arbeitsschutz, Qualitätsmanagement – das lässt sich zwar selbst erarbeiten, kostet aber sehr viel Zeit. Fertige Vorlagen oder externe Unterstützung dabei lohnen sich in aller Regel.
Ein Hinweis noch zur Digitalisierung: Wer von Anfang an mit modernen, gut zusammenspielenden Abläufen startet, hat es später deutlich leichter, als wenn er im laufenden Betrieb umbauen muss. Unser Digitalisierungs-Leitfaden zeigt, welche Hebel sich von Anfang an lohnen.
Häufige Fragen - FAQ
Brauche ich einen Businessplan? Ja – für die Finanzierung ist er notwendig, und er hilft auch Ihnen selbst, Klarheit zu bekommen. Auf Ärzt:innen spezialisierte Banken haben eigene Vorlagen, an denen Sie sich orientieren können.
Was passiert, wenn meine Zulassung abgelehnt wird? Sie können Widerspruch einlegen. Häufig ist es aber der einfachere Weg, sich auf einen anderen, frei werdenden Praxissitz zu bewerben. Ein ehrliches, frühes Gespräch mit Ihrer KV hilft dabei, die eigenen Chancen realistisch einzuschätzen.
Kann ich mit einer halben Zulassung starten? Ja, das ist möglich – oft in Kombination mit einer Anstellung, etwa in einem Krankenhaus oder MVZ. Das ist etwas aufwendiger zu organisieren, senkt aber Ihr persönliches Risiko.
Wie finde ich eine Praxis, die einen Nachfolger sucht? Neben den Ausschreibungen Ihrer KV gibt es spezialisierte Vermittler:innen und Netzwerke. Oft sind Fachkongresse und regionale Ärztenetzwerke die besten Quellen, weil viele Praxen nie öffentlich ausgeschrieben werden.
Wann sollte ich mich für ein Praxisverwaltungssystem entscheiden? Am besten schon in Phase 3, parallel zur Geräteplanung. So bleibt genug Zeit für Installation, Einrichtung und Einarbeitung vor der Eröffnung, und die Anbindung an Ihre Geräte lässt sich von Anfang an sauber mitplanen.
Wo bekomme ich Unterstützung für den gesamten Ablauf? Ihre KV bietet Erstberatungen an, spezialisierte Steuerberater:innen und Banken ergänzen das mit ihrer Fachkenntnis. Für die durchgängige Projektsteuerung bündelt unser Gründer-Cockpit alle fünf Phasen — inklusive Modulen für Finanzen, MedTech, Personal, IT und Compliance.
Nächster Schritt: Werfen Sie einen Blick ins Gründer-Cockpit — dort finden Sie Module, Checklisten und Zeitleisten für jede der fünf Phasen.
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