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Schnittstelle in der Arztpraxis: Was der Begriff wirklich bedeutet und warum er oft trügt

MediMeets Team
·17. Juli 2026·5 Min. Lesezeit
Schnittstelle in der Arztpraxis: Was der Begriff wirklich bedeutet und warum er oft trügt

Auf einen Blick

Das Wichtigste in Kürze

  • 3 von 4 Arzt- und Psychotherapiepraxen würden ihre aktuelle Praxissoftware nicht weiterempfehlen

  • 62 % haben Probleme beim Verbindungsaufbau mit dem Konnektor, über die Hälfte bei TI-Funktionen

  • Jährlich wechseln nur rund 5.000 Ärzte ihr PVS, obwohl viele wechselwillig wären

  • 86 % der Praxen, die gewechselt haben, berichten danach von besseren Abläufen

  • Das GeDIG verpflichtet Hersteller ab 2027 zur echten Interoperabilität

„Wir haben eine Schnittstelle zum Labor." „Unser PVS hat eine Schnittstelle zur Terminbuchung." Solche Sätze fallen in Praxen regelmäßig, wenn es um Digitalisierung geht. Und sie klingen gut. Aber was steckt eigentlich dahinter? Und warum kämpfen so viele Praxen trotzdem täglich damit, dass Daten nicht automatisch dort ankommen, wo sie gebraucht werden?

Die Antwort hat weniger mit der Qualität einzelner Programme zu tun als mit einem Missverständnis, das sich hartnäckig hält: dem Unterschied zwischen einer Schnittstelle und echter Integration.


Was eine Schnittstelle ist – und was nicht

Der Begriff Schnittstelle beschreibt in der Informatik einen definierten Übergangspunkt zwischen zwei Systemen. Das klingt technisch, lässt sich aber gut an einem Alltagsbild erklären:

Eine Schnittstelle ist wie eine Tür zwischen zwei Zimmern. Sie verbindet beide Räume – aber du musst trotzdem selbst hindurchgehen und die Sachen rübertragen. Echte Integration bedeutet: Die Informationen bewegen sich automatisch, ohne dass jemand manuell eingreift.

Zwei Systeme können also technisch verbunden sein und trotzdem jede Menge manuelle Arbeit erzeugen. Ob das der Fall ist, merkt man oft erst im Alltag:

  • Eine Terminbuchungsplattform ist ans PVS angebunden, aber Termine erscheinen nicht automatisch im Kalender. Jemand überträgt sie manuell.

  • Das Labor ist verbunden, aber Befunde kommen per Fax und werden von Hand in die Akte eingetippt.

  • Die eAU ist technisch integriert, aber TI-Störungen unterbrechen den Ablauf so häufig, dass das Team ständig eingreifen muss.

Der entscheidende Unterschied: Eine Schnittstelle ermöglicht den Austausch von Daten. Echte Integration macht diesen Austausch automatisch, zuverlässig und in beide Richtungen.


Wie groß das Problem in der Praxis wirklich ist

Man könnte annehmen, dass solche Reibungsverluste nur einzelne Praxen betreffen. Die Zahlen zeigen etwas anderes.

3 von 4 Arzt- und Psychotherapiepraxen würden ihre aktuelle Praxissoftware nicht weiterempfehlen. Das ist kein Randphänomen, sondern das Ergebnis einer bundesweiten Umfrage, die das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung im Dezember 2024 veröffentlicht hat. Die Kritik richtet sich vor allem gegen mangelnde Leistungsfähigkeit und Vernetzungsprobleme.

Quelle: Zi-Praxisumfrage, Dezember 2024

Mehr als 62 Prozent der Praxen berichten von Problemen beim Verbindungsaufbau mit dem Konnektor. Über die Hälfte hat außerdem regelmäßig Schwierigkeiten bei der Nutzung von TI-Funktionen im PVS – also bei eAU, eRezept und eArztbrief, genau den Funktionen, die eigentlich für mehr Effizienz sorgen sollen.

Quelle: Deutsches Ärzteblatt, Dezember 2024

Und dennoch wechseln jährlich nur rund 5.000 Ärzte ihr Praxisverwaltungssystem – obwohl viele wechselwillig wären. Das Paradox hat einen klaren Grund: Ein Wechsel ist aufgrund mangelnder Interoperabilität mit enormem Aufwand verbunden. Daten lassen sich kaum oder nur zu hohen Kosten übertragen, weil die Systeme unterschiedliche, proprietäre Formate nutzen. Experten sprechen von einem eingefrorenen Markt.

Quelle: Medical Tribune, Oktober 2021; Deutsches Ärzteblatt, November 2025

Gemeinsame Standards in Semantik und Syntax der Daten sind die Grundvoraussetzung. Ohne Interoperabilität wird es keine wirklich vernetzte Versorgung geben.

– Expertenstimme, Deutsches Ärzteblatt, November 2025 (sinngemäß)


Warum das so ist: ein historisches Problem

Viele Praxisverwaltungssysteme wurden entwickelt, als Vernetzung kein Thema war. Sie sind für Dokumentation und Abrechnung gebaut, nicht für den Datenaustausch mit anderen Systemen. Jeder Hersteller hat dabei eigene Formate entwickelt, die nicht kompatibel mit denen anderer Anbieter sind.

Das hat eine praktische Konsequenz: Praxen sind faktisch an ihr System gebunden. Ein Wechsel bedeutet, Patientendaten händisch zu übertragen oder teure Migrationsprojekte zu beauftragen. Wer das vermeiden will, bleibt – auch wenn das System alles andere als optimal ist.

Was das GeDIG ändern wird

Das Gesetz für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen (GeDIG), dessen Referentenentwurf das Bundesgesundheitsministerium im April 2026 vorgelegt hat, verpflichtet PVS-Hersteller künftig zur Interoperabilität. Systeme müssen Daten in standardisierten, austauschbaren Formaten vorhalten und übermitteln. Das soll Wechsel erleichtern und echte Integration ermöglichen – langfristig.

Quelle: Referentenentwurf GeDIG, BMG, April/Mai 2026


Was echte Integration im Alltag bedeutet

Am einfachsten lässt sich der Unterschied an konkreten Situationen zeigen, die viele aus der Praxis kennen.

Terminbuchung

Heute: Patient bucht online, jemand trägt den Termin manuell ins PVS ein. Mit echter Integration erscheint der Termin sofort im Kalender, Erinnerungen laufen automatisch, das gesamte Team sieht ihn ohne weiteren Aufwand.

Laborbefunde

Heute: Befund kommt per Fax, wird ausgedruckt oder abgetippt, landet irgendwann in der Akte. Mit echter Integration wird der Befund elektronisch übermittelt, erscheint automatisch in der richtigen Patientenakte und ist sofort abrufbar.

eAU und eRezept

Heute: Die Funktionen sind theoretisch vorhanden, aber TI-Störungen sorgen dafür, dass das Team ständig eingreifen muss. Mit echter Integration läuft die Übermittlung im Hintergrund – Fehler sind die Ausnahme, nicht die Regel.


Welche Fragen sich beim nächsten Tool-Gespräch lohnen

Wer ein neues digitales Tool evaluiert, kommt an einer Frage nicht vorbei: Was genau ist mit der Schnittstelle gemeint? Ein paar Rückfragen helfen, das einzuschätzen:

  • Fließen die Daten automatisch, oder muss jemand manuell eingreifen?

  • Funktioniert die Anbindung in beide Richtungen?

  • Was passiert, wenn die TI-Verbindung unterbrochen ist?

  • Welche Datenformate werden verwendet – sind sie standardisiert (z. B. FHIR oder HL7)?

  • Können Daten vollständig übertragen werden, wenn das PVS irgendwann gewechselt werden soll?

Und noch eine Zahl, die Mut macht: 86 Prozent der Praxen, die ihr PVS tatsächlich gewechselt haben, berichten, dass sich der Wechsel positiv auf ihre Arbeit ausgewirkt hat. Abläufe verbesserten sich, die Arbeit wurde effizienter. Das Unbehagen vor einem Wechsel ist also oft größer als der Wechsel selbst.

Quelle: Gelbe Liste PVS-Analyse, Februar 2025


Fazit

Eine Schnittstelle ist keine Garantie dafür, dass Systeme wirklich miteinander arbeiten. Was Praxen brauchen, ist echte Integration: Daten fließen automatisch, fehlerfrei und ohne dass das Team eingreifen muss.

Das GeDIG wird Hersteller in diese Richtung drängen. Bis dahin lohnt es sich, beim nächsten Tool-Gespräch etwas genauer hinzuhören – und nicht beim ersten „Ja, wir haben eine Schnittstelle" stehen zu bleiben.


Alle Quellen

  • Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi): Usability von Praxisverwaltungssystemen, Dezember 2024 (zi.de)

  • Deutsches Ärzteblatt: Große Unterschiede bei Zufriedenheit mit Praxisverwaltungssystemen, Dezember 2024

  • Deutsches Ärzteblatt: Experten fordern mehr Interoperabilität und Datennutzbarkeit, November 2025

  • Medical Tribune: Praxisverwaltungssystem – Mediziner können bald leichter wechseln, Oktober 2021

  • Gelbe Liste: Häufige Fehler bei Praxisverwaltungssystemen, Februar 2025

  • Referentenentwurf GeDIG, BMG, April/Mai 2026

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